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Die Ausstellung


Ausstellungsbeschreibung

 

Die „Hans Hartmann Bibliothek“

 

Die hier gezeigten Werke stehen stellvertretend für die Bücher der verloren gegangenen Hausbibliothek des jüdischen Anwalts Hans Hartmann, eines Onkels von Stefan Heym.

Die „Hans Hartmann Bibliothek“ war eine von unzähligen Privatbibliotheken, die nach der Deutschen Reichsgründung (1871) in den Wohnungen und Häusern der Chemnitzer Juden mit viel Hingabe aufgebaut wurden. Als private Büchersammlung war sie sicher das Spiegelbild der Interessen und Neigungen ihres Besitzers. Sie dokumentiert aber auch die bibliophile Leidenschaft der Chemnitzer Juden, ihren stetigen Wissensdrang und ihr Bedürfnis nach Repräsentation.

Die Bibliothek befand sich im Herrenzimmer des Anwalts, der seit Ende der 1920er Jahre mit seiner Ehefrau und den in dieser Zeit geborenen Söhnen in einem heute noch vorhandenen Gründerzeithaus auf dem Kaßberg wohnte. Die Buchrücken könnten sicher die Sammelschwerpunkte des Besitzers offenbaren, leider kann das Aufschlagen eines einzelnen Bandes in diesem Fall nicht mehr zu überraschenden Entdeckungen führen. Hartmanns Bibliothek ging in den Wirren der NS-Zeit unwiderruflich verloren. Es können weder Widmungen, Marginalien, eingelegte Rezensionen, Ausrisse aus Zeitungen noch Fotografien oder Briefe gefunden werden. Der Zufall wollte es aber, dass eine provisorische Bücherliste gefunden wurde, mit deren Hilfe ein Teil der „Hans Hartmann Bibliothek“ rekonstruiert werden konnte.

Der Anwalt, der während des Novemberpogroms 1938 unter den Verhafteten und nach Buchenwald Verschleppten war, setzte nach seiner Rückkehr alles daran, die Emigration vorzubereiten. Bereits im Januar 1939 wurden Pläne bekannt, nach den USA oder gar Brasilien auszuwandern. Noch im Juli 1939 ging Hans Hartmann davon euphorisch aus, in dem Land, in das er emigrieren wollte, möglichst eine artverwandte Tätigkeit aufzunehmen. Dafür würde er unbedingt eine Schreibmaschine benötigen. Umfängliche Umzugslisten wurden in dieser Zeit erstellt. Im August 1939 bereitete er eine Bücherliste vor, um diese der Devisenstelle Chemnitz vorzulegen. In dieser Zeit mussten die Eheleute ihre geliebte Wohnung aufgeben und in ein „Judenhaus“ auf dem Kapellenberg ziehen. Anfang Oktober 1939 wurde der frühere Anwalt erneut festgenommen und in das Polizeigefängnis gebracht.

Regina Hartmann unternahm alle nur möglichen Schritte, um ihren Ehemann freizubekommen. Hans Hartmann sollte seine Familie jedoch nicht mehr wiedersehen. Er starb am 5. Februar 1941 in Dachau. Über den Verbleib der Umzugsgüter - einschließlich der Bücher - können keine Aussagen getroffen werden.

Die Rekonstruktion der „Hans Hartmann Bibliothek“ ist der Versuch, ein Stück verlorenen gegangener Wirklichkeit zurückzuholen. Auch wenn keine Postkarten, Fahrscheine oder Kalenderblätter zwischen den Buchseiten gefunden werden können, ist die in Teilen wiedererstandene Bibliothek ein weiterer Mosaikstein im Lebensbild des Anwalts, Notars und Bücherfreundes. Mit dem Projekt soll aber vor allem gezeigt werden, inwiefern die Liebe zu Büchern ein wesentlicher Bestandteil der kulturellen Selbstbehauptung des deutschen Judentums war.

 

Jürgen Nitsche

 

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