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Im wiedervereinten Deutschland (1989 – 2001)

1989 Mit einer Reihe von Interviews, Reden und Essays tritt Stefan Heym als einer der gefragtesten Kommentatoren der friedlichen Revolution in der DDR in Erscheinung. Er wirbt dabei für eine eigenständige demokratische und sozialistische Entwicklung des Landes; eine bessere DDR sei nötig als Gegenentwurf zur Bundesrepublik. Am 4. November gehört er auf dem Berliner Alexanderplatz zu jenen gut zwei Dutzend Intellektuellen, Künstlern und Politikern, die auf einer Großdemonstration für demokratische Reformen und gegen das Machtmonopol der SED das Wort ergreifen. Seine Rede („Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen…“) wird etliche Male von Beifall unterbrochen.

Nach dem Fall der Mauer gehört Heym zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs „Für unser Land“, mit dem sich namhafte Intellektuelle und Reformer der DDR gegen eine schnelle Wiedervereinigung Deutschlands aussprechen. Seine harsche Kritik an der Konsumbegeisterung der Ostdeutschen (unter anderem in dem Essay „Aschermittwoch“) wird überaus kontrovers diskutiert.

Im November annulliert der DDR-Schriftstellerverband Heyms Ausschluss aus dem Jahre 1979. Ende des Jahres erscheint der Roman „5 Tage im Juni“ erstmals auch in der DDR.

1990 Nach dem Wahlsieg der Allianz für Deutschland bei den ersten freien Volkskammerwahlen spricht Heym von der DDR als „Fußnote in der Geschichte“. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands beginnt ein Literaturstreit: Stefan Heym und andere ostdeutsche Autoren werden wegen angeblicher Nähe zur SED attackiert. Zugleich erhält Heym zahlreiche Ehrungen und Preise: Ehrenvorsitzender des Schriftstellerverbandes der DDR, Prix „Gutenberg Écrits et libertés“ (Paris), Ehrendoktorwürde der Universität Bern.

„Nachruf“ und der Publizistikband „Stalin verlässt den Raum“ erscheinen in ostdeutschen Verlagen, zudem vereint der Sammelband „Einmischung“ Gespräche, Reden und Essays aus den Jahren 1982-89. Mit Werner Heiduczek gibt Stefan Heym den Band „Die sanfte Revolution“ heraus, der Augenzeugenberichte und Essays zu den politischen Veränderungen in der DDR enthält. Nach Veröffentlichung des Erzählbandes „Auf Sand gebaut“ Ende des Jahres werfen Kritiker Heym mangelndes Vertrauen in die demokratische Ordnung der Bundesrepublik vor.

In New York nimmt Stefan Heym an einem Veteranentreffen ehemaliger US-Soldaten für Psychologische Kriegsführung teil.

1991 Bei zahlreichen öffentlichen Auftritten nimmt Stefan Heym Stellung zu unterschiedlichsten Fragen der Zeit. Er protestiert gegen den Golfkrieg, verweist auf die Ursachen von Ausländerhass und Neofaschismus und warnt er vor den Folgen der Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland. Währenddessen wird Heyms Rolle als „moralische Instanz" zwischen ost- und westdeutschen Kritikern weiterhin kontrovers diskutiert. In seiner Eröffnungsrede zu den 17. Berliner Autorentagen wirft Heym dem Westen einen systematischen Rufmord an Schriftstellern aus der DDR vor.

1992 Der Essayband „Filz. Gedanken über das neueste Deutschland“ erscheint. Als Erstunterzeichner ihres Aufrufs unterstützt Stefan Heym die ostdeutsche Sammlungsbewegung „Komitees für Gerechtigkeit“ und fordert die Ostdeutschen zu mehr Selbstbewusstsein auf. Im Juli wird der 79-Jährige in einem Kölner Restaurant von einem Angreifer mit Faustschlägen im Gesicht verletzt. Die allem Anschein nach politisch motivierte Attacke wird in der Öffentlichkeit als bedrohliches Zeichen zunehmender Intoleranz gegenüber Andersdenkenden verurteilt. Ende des Jahres erwirbt die Universitätsbibliothek Cambridge Heyms umfangreiches Privatarchiv. Die Chemnitzer Bürgerinitiative Kunst und Kultur zeichnet Heym mit dem Preis „Chemnitzer Ernst“ aus.

1993 Als erster deutscher Schriftsteller erhält Stefan Heym den bedeutendsten Literaturpreis Israels, den Jerusalem-Preis für Literatur. In seiner Dankesrede fordert er die Israelis auf, Frieden mit den Arabern zu schließen.

1994 Stefan Heym tritt als Kandidat der SED-Nachfolgepartei PDS bei den Wahlen zum Bundestag an und erringt im Berliner Wahlbezirk Prenzlauer Berg ein Direktmandat. Kritiker werfen ihm vor, sich von seinen früheren Gegnern instrumentalisieren zu lassen. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ bezeichnet Heym als einstigen Anhänger des Stalinismus. Viel Anerkennung indes erntet Stefan Heym für seine ausgewogene Rede, mit der er als Alterspräsident den 13. Deutschen Bundestag eröffnet. Die Abgeordneten der christlich-konservativen Parteien CDU und CSU verweigern dennoch demonstrativ den Applaus.

1995 Heyms biografischer Roman „Radek“ erscheint. Nach knapp einjähriger Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag tritt Heym im Herbst von seinem Mandat zurück.

1996 Unter dem Titel „Der Winter unseres Missvergnügens. Aus den Aufzeichnungen des OV Diversant“ veröffentlicht Heym Aufzeichnungen aus der Zeit der Ausbürgerung Wolf Biermanns im Herbst 1976.

1997 Mit „Immer sind die Weiber weg und andere Weisheiten“ legt Heym eine Sammlung heiter-gelassener Anekdoten vor, die ihn von einer völlig neuen Seite zeigen. In einer Erklärung fordern er und andere Intellektuelle eine Ablösung der Regierung Kohl und eine Erneuerung der Demokratie im Sinne von mehr sozialer Gerechtigkeit. In Gedenkveranstaltungen spricht Heym im Andenken an seine verstorbenen Kollegen und Wegbegleiter Heinar Kipphardt, Stephan Hermlin und Jurek Becker.

1998 Anlässlich von Stefan Heyms 85. Geburtstag gibt der Bertelsmann-Verlag eine 18 Bände umfassende Werksausgabe heraus. Im Sommer erscheint Heyms letzter Roman „Pargfrider“. Das neu gegründete deutsche PEN-Zentrum ernennt Heym zu einem seiner vier Ehrenpräsidenten.

1999 Wegen eines verschleppten Gallenleidens muss sich Heym einer Notoperation unterziehen; die Ärzte versetzen ihn in für vier Wochen ein künstliches Koma. Nach seiner Entlassung aus der Klinik beginnt er, seinen noch unveröffentlichten Roman „The Architects“ aus den 1960er-Jahren ins Deutsche zu übersetzen.

2000 Dreieinhalb Jahrzehnte nach seiner Entstehung veröffentlich Heym seinen Roman „Die Architekten“. Die Organisation „Ärzte für Frieden und Soziale Verantwortung“ ehrt ihn mit ihrer erstmals verliehenen Friedensmedaille.

2001 Stefan Heym wird Ehrenbürger seiner Geburtstadt Stadt Chemnitz. Im Dezember nimmt er an einem Heinrich-Heine-Kongress in Israel teil, dem sich ein Erholungsaufenthalt am Toten Meer anschließt. Am Nachmittag des 16. Dezember stirbt Stefan Heym in Ein Bokek im Alter von 88 Jahren an Herzversagen. In Nachrufen würdigen Kollegen, Politiker und Kommentatoren Heym als unbequemen Zeitgeist und aufrechten Sozialisten. Am 21. Dezember wird Stefan Heym auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. An der Trauerfeier nehmen rund 500 Gäste teil, darunter Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.

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Zuletzt geändert am 11.04.2017 18:45 Uhr