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Vom Kritiker zum Dissidenten (1964 – 1988)

1964 In Diskussionsbeiträgen (u. a. „Kompromisslose Suche nach der Wahrheit“ und „Stalin verlässt den Raum“) wendet sich Heym auf Schriftstellertreffen gegen Heuchelei in der Kunst und plädiert für eine „furchtlose Diskussion“. Er begibt sich damit offen in Opposition zur offiziellen DDR-Kulturpolitik.

1965 Mit dem Essay „Die Langeweile von Minsk“ (in der DDR unveröffentlicht) untermauert Heym seine Ansicht, wonach es Aufgabe der Intellektuellen im Sozialismus sei, sich kritisch mit den herrschenden Auffassungen auseinanderzusetzen. Nach Lesungen aus seinem unveröffentlichten Roman „Der Tag X“ und der Veröffentlichung kritischer Beiträge in der westdeutschen Presse verschärfen sich die Konflikte mit Behörden und SED-Führung.

Im Dezember werden auf dem berüchtigten 11. Plenum des Zentralkomitees der SED Heym und andere namhafte Kulturschaffende massiv angegriffen. Erich Honecker äußert, Stefan Heym sei „offensichtlich nicht bereit, Ratschläge, die ihm mehrfach gegeben worden sind, zu beachten“ Sein Roman „Der Tag X“ enthalte eine völlig falsche Darstellung der Ereignisse des 17. Juni 1953.

1966 Infolge des 11. Plenums des ZK der SED sieht sich Heym über Monate hinweg massiven öffentlichen Angriffen ausgesetzt. Schriftstellerverband und Kulturbund werfen ihm vor, gegen die DDR und den Sozialismus zu arbeiten und Unruhe stiften zu wollen. Das Ministerium für Staatssicherheit setzt mehrere Spitzel auf Heym an; der Druck auf Unterstützer und Sympathisanten nimmt zu. Im Kinderbuchverlag der DDR erscheint Heyms Märchenband „Casimir und Cymbelinchen. Zwei Märchen“.

1967 Stefan Heym arbeit intensiv an einem Roman über Ferdinand Lassalle und an der Novelle „Die Schmähschrift“.

1968 Nachdem der Ostberliner Aufbau-Verlag die Veröffentlichung des Romans „Lassalle“ ablehnt, vergibt Heym die Rechte an den Münchner Bechtle-Verlag. Die DDR-Behörden verhängen daraufhin gegen Heym eine Geldstrafe in Höhe von 300 Mark wegen Verstoßes gegen Urheberrechtsbestimmungen. Heyms Mutter stirbt im Alter von 76 Jahren in Berlin. Der gesundheitliche Zustand seiner Frau verschlechtert sich rapide.

1969 Heym beginnt mit Vorstudien zu seinem Roman „Der König David Bericht“. Im Herbst erscheint „Lassalle“ in Westdeutschland. Bemühungen, das Buch auch in der DDR, Ungarn oder der Sowjetunion herauszugeben, bleiben vergebens. Eine Reise zur Buchmesse in Frankfurt am Main wird Heym nach längerer Diskussion genehmigt, loyales Verhalten gegenüber der DDR jedoch zur Bedingung gemacht. Heyms Frau Gertude Gelbin stirbt nach langer schwerer Krankheit in Ostberlin.

1970 Nach Veröffentlichung der Novelle „Die Schmähschrift“ im Zürcher Diogenes-Verlag erfährt Stefan Heym in Westdeutschland eine bis dahin unbekannte Aufmerksamkeit und Wertschätzung als Literat.

1971 Abschluss der Arbeit am Roman „Der König-David-Bericht“. Heym heiratet seine zweite Frau, der Filmdramaturgin Inge Wüste.

1972 Der Roman „Der König-David-Bericht“ erscheint im Münchner Kindler-Verlag und erfährt zahlreiche positive Kritiken, so unter anderem von Heinrich Böll und Marcel Reich-Ranicki.

1973 Das seit Jahren problematische Verhältnis zwischen Heym und der DDR-Staats- und Parteiführung entspannt sich vorübergehend. Sein Roman „Der König-David-Bericht“ sowie die Novelle „Die Schmähschrift“ dürfen nun auch in der DDR erscheinen, wobei die offizielle Kritik jeden Bezug der Handlungen zur Gegenwart leugnet.

1974 Während der Roman „Lassalle“ nunmehr auch in der DDR veröffentlicht wird, überarbeitet Heym nochmals sein Romanmanuskript „Der Tag X“ über die Ereignisse des 17. Juni 1953. Sein Ansinnen, das Buch zeitgleich in Ost- und Westdeutschland erscheinen zu lassen, scheitert an der Ablehnung der DDR-Kulturbehörden. So wird der Roman im Herbst unter dem Titel „5 Tage im Juni“ nur in der BRD veröffentlicht. Zudem gibt Heym bei Bertelsmann die Anthologie „Auskunft. Neue Prosa aus der DDR“ heraus.

1975 Der DDR-Buchverlag Der Morgen bringt einen Band mit Erzählungen Stefan Heyms heraus. Das Ministerium für Staatssicherheit intensiviert die Beobachtung Heyms und dessen Umfelds.

1976 Heym arbeitet an seinem nächsten Roman „Collin“. Nach der Ausbürgerung des Sängers Wolf Biermann Mitte November gehört Heym einer Gruppe führender Intellektueller an, die eine gemeinsamen Protestpetition verfassen und die Regierung der DDR um Rücknahme bitten. Daraufhin zahlreiche Anfeindungen in den DDR-Medien und offene Observation durch die Stasi.

1978 Zum ersten Mal seit seiner Flucht Anfang der 1950er-Jahre reist Stefan Heym wieder in die USA. An der University of Pittsburgh wird er Writer in Residence. In Westdeutschland erscheint unter dem Titel „Auskunft 2“ ein zweiter von Heym herausgegebener Band mit DDR-Prosa.

1979 In der Bundesrepublik veröffentlicht Heym seinen neuen Roman „Collin“. Wegen der unerlaubten Publikation im Westen wird Heym zu einer Geldstrafe in Höhe von 9000 Mark verurteilt. Der Schriftstellerverband schließt ihn und acht weitere Berufskollegen aus seinen Reihen aus. In Interviews und Statements für Medien der Bundesrepublik wirft Heym den DDR-Behörden offen Zensur vor und fordert Freiheit für die Literatur auch im Sozialismus.

1980 Der Publizistikband „Wege und Umwege“ erscheint in Westdeutschland.

1981 Heym veröffentlicht seinen neuen Roman „Ahasver“ in der BRD. Das Buch stärkt seinen zuvor gelegentlich bezweifelten Ruf als Autor hoher Literatur.

1982 In Den Haag nimmt Stefan Heym an einem Treffen der Friedensinitiative europäischer Schriftsteller teil.

1983 Der Bertelsmann Verlag veröffentlicht aus Anlass von Heyms 70. Geburtstag dessen Magisterarbeit „Atta Troll. Versuch einer Analyse“ aus dem Jahr 1936. In Westberlin beteiligt sich Stefan Heym an einem internationalem Schriftstellertreffen zu Fragen der Friedenspolitik.

1984 Heym stellt seinen Roman „Schwarzenberg“ vor und äußert sich in Interviews mehrfach zur Zukunft Deutschlands vier Jahrzehnte nach Ende des Weltkrieges.

1986 Unter dem Titel „Reden an den Feind“ erscheint eine Sammlung von Radioscripts und Flugblatttexten aus Heyms Zeit als Soldat in der US-Armee 1944/45.

1987 In einem von Stefan Heym geführten Interview entwickelt der Ostberliner Biologe Jakob Segal die These, die Immunschwächekrankheit Aids sei das Produkt der Biowaffenforschung in den USA. Das von der in Westberlin erscheinenden „tageszeitung“ (taz) veröffentlichte Interview löst unter Fachleuten eine kontroverse Debatte aus, wobei Segals Thesen überwiegend als haltlos verworfen werden.

1988 Wenige Monate nach seinem 75. Geburtstag erscheinen Stefan Heyms Memoiren „Nachruf“ im Bertelsmannverlag. Sie begründen Heyms Ruf als Jahrhundertzeuge und verstärken seine Wahrnahme als kritischer sozialistischer Autor. Der DDR-Verlag Der Morgen bringt den Roman „Ahasver“ heraus. Stephan Hermlin fordert, den bislang nur in der Bundesrepublik erschienenen Roman „Fünf Tage im Juni“ nunmehr auch in der DDR zu veröffentlichen.

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Zuletzt geändert am 11.04.2017 18:44 Uhr